Schmerzen mit Strom behandeln - Inselspital Bern - Neurochirurgie

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Rückenmarkstimulation

Synonyme: Spinal Cord Stimulation, Neurostimulator, Schmerzschrittmacher

Die Rückenmarkstimulation ist ein alternatives Verfahren zur Behandlung von chronischen Rücken- und/oder Beinschmerzen. Es wird angewendet, wenn operative Therapiemöglichkeiten und konservative Therapiemassnahmen ausgeschöpft sind.

Erfolgreiche Anwendungsbereiche sind:

Wie funktioniert die Rückenmarkstimulation?

Zur Durchführung einer Rückenmarkstimulation legt der Neurochirurg über eine Punktion sogenannte Stabelektroden minimal-invasiv auf das Rückenmark. Dies erfolgt unter Röntgenkontrolle. Die Punktion wird auf Höhe der Lendenwirbelsäule vorgenommen. Der Neurochirurg platziert die Elektroden im Bereich der Brustwirbelsäule entsprechend dem schmerzhaften Gebiet. Je nach Patient und Situation müssen die Elektroden (in Form von Plattenelektroden) offen-chirurgisch direkt auf das Rückenmark gelegt werden. Über die Elektroden wird Strom auf das Rückenmark verabreicht. Das führt zu einer Veränderung bei der Schmerzentstehung und -verarbeitung und in der Folge zu einer Schmerzreduktion. Der Patient spürt den Strom als feines, angenehmes Kribbeln, das wir Ärzte als Parästhesie bezeichnen. Zudem gibt es neue Stimulationsformen wie die High Density, BurstDR oder die 10kHz-Stimulation, die praktisch frei von Parästhesien sind.

Rückenmarkstimulator mit Plattenelektrode auf weissem Hintergrund
Rückenmarkstimulator mit Plattenelektrode
Stabelektrode des Rückenmarkstimulators auf weissem Hintergrund
Stabelektrode

Wer kommt für eine Rückenmarkstimulation infrage?

Chirurgisch wie auch konservativ und medikamentös austherapierte Patienten mit eingeschränkter Lebensqualität und hohem Leidensdruck werden interdisziplinär durch die Kollegen der Schmerztherapie, der Psychosomatik und durch uns Neurochirurgen evaluiert. Es wird präoperativ eine Magnetresonanztomographie (MRT; engl.: Magnetic Resonance Imaging, MRI) der Brust- und Lendenwirbelsäule durchgeführt. Weiter ist eine Vorstellung in unserer Anästhesiesprechstunde notwendig. Eine Kostengutsprache bei der Krankenkasse zur Übernahme der Kosten wird durch uns beantragt. Im Vorfeld wird mit dem Patienten besprochen, ob ein MRT-taugliches System implantiert wird. Ebenfalls wird mit dem Patienten erörtert, ob ein wiederaufladbares System verwendet wird.
Patienten, die für eine Rückenmarkstimulation infrage kommen, durchlaufen zunächst eine Testphase, bevor der Neurostimulator definitiv implantiert wird.

Wie läuft der Implantationsprozess ab?

Der Patient kommt morgens nüchtern zur Operation. Diese wird in der Regel unter lokaler Betäubung durchgeführt, was jedoch individuell angepasst werden kann. Im Operationssaal werden die Elektroden unter Röntgenkontrolle auf das Rückenmark platziert. Der Patient gibt während der Operation Rückmeldung, ob das schmerzhafte Areal durch die Parästhesien gut abgedeckt ist. Ist das Areal zu mindestens 80% abgedeckt, werden die Elektroden unter der Haut an eine Verlängerung angeschlossen, die im Bereich des Rumpfes aus der Haut ausgeleitet wird. An diese Verlängerung wird der externe Stimulator angeschlossen. Der Patient bleibt eine Nacht zur Überwachung im Spital und kann am nächsten Tag wieder nach Hause. Die Testphase dauert ein bis zwei Wochen. Duschen und Baden ist in dieser Zeit nicht erlaubt. Die Spitex wird für einen regelmässigen Verbandswechsel und zur Wundkontrolle organisiert. Falls der Patient von der Stimulation profitiert, wird die definitive Implantation des Neurostimulators, auch als Batterie bezeichnet, ambulant durchgeführt. Das bedeutet, der Patient kommt morgens zum Eingriff und kann am Abend wieder nach Hause. Falls der Patient nicht auf die Therapie anspricht, werden die Elektroden wieder herausgezogen. Bevor der Patient nach Hause entlassen wird, wird eine Röntgenuntersuchung zur Kontrolle der Elektrodenlage durchgeführt.

Was ist das Ziel der Rückenmarkstimulation?

Das primäre Ziel ist die Verbesserung der Lebensqualität. Dies beinhaltet eine Schmerzreduktion um 50%, die Reduktion von Schmerzmitteln, eine bessere Schlafhygiene, die Steigerung der körperlichen Aktivität, die Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess sowie eine allgemeine Verbesserung des psychischen Wohlbefindens. Obwohl in seltenen Fällen eine Schmerzfreiheit erreicht werden kann, ist dies kein realistisches Ziel. Sie wird von dieser Therapie auch nicht erwartet.

Röntgenbild auf dem sichtbar ist, wie eine Stabelektrode auf das Rückenmark platziert wird.
Eine Stabelektrode wird unter Röntgenkontrolle auf das Rückenmark platziert.
Röntgenbild auf dem eine Plattenelektrode zu sehen ist.
Im Röntgenbild ist eine Plattenelektrode zu sehen.

Was sind die Komplikationen?

Die Komplikationsrate ist niedrig. Dennoch können wie bei jedem Eingriff Komplikationen auftreten.

Mögliche Komplikationen in der Frühphase:   
  • Blutungen, die zu vorübergehenden oder selten auch zu permanenten Lähmungserscheinungen führen können und eine chirurgische Entlastung notwendig machen
  • Infektionen während der Testphase
  • Elektrodenverschiebungen
  • Verbindungsprobleme der Elektroden mit der Batterie
  • Batteriestörungen
Mögliche Komplikationen in der Spätphase:
  • Wirkungsverlust der Stimulation
  • Infektionen
  • Elektrodenverschiebungen
  • Elektrodenbruch
  • Kabelbruch
  • Batteriestörungen
  • Schmerzen im Bereich der Batterietasche

Wie sind die Erfolgschancen?

Die Langzeiterfolgsrate liegt nach Literaturangaben bei ungefähr 70–80%. Je früher eine Rückenmarkstimulation vorgenommen wird, desto höher sind die Erfolgschancen. Bei ca. 20–30% der Patienten kann mit der Zeit ein Wirkungsverlust auftreten – bedingt durch einen Gewöhnungseffekt. 60% dieser Patienten können wiederum von der Rückenmarkstimulation profitieren, indem neuere Stimulationsformen wie die High Density, BurstDR oder die 10kHz-Stimulation eingesetzt werden.

Wie sieht die Nachsorge aus?

Der Patient kommt nach zwei Wochen zur Fadenentfernung und zur Wundkontrolle zu uns in die Klinik. Dabei wird der Stimulator kontrolliert und die Stimulation angepasst. Regelmässige Kontrollen finden nach sechs Wochen, drei, sechs und zwölf Monaten statt, danach in jährlichen Abständen. Wenn die Batterie leer ist, muss diese durch einen kleinen Eingriff unter Lokalanästhesie ausgetauscht werden.

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