Im Rahmen der Woche des Gehirns, die in diesem Jahr unter dem Motto «Das menschliche Gehirn im digitalen Wandel» stattfand, sprach Prof. Dr. med. Andreas Raabe, Chefarzt und Klinikdirektor der Neurochirurgie am Inselspital am Dienstagabend in der gut besuchten Aula der Universität Bern über die Zukunft des Lernens in der Medizin. Im Zentrum stand die Frage, wie künstliche Intelligenz das Lernen verändert und dabei helfen kann, Wissen sinnvoll zu erschliessen.
Vom Papier zur digitalen Informationsflut
Andreas Raabe zeichnete zunächst die Entwicklung der Wissensvermittlung nach: Während Studierende früher in einer Stunde wenige Seiten handschriftlich mitschrieben und ein Dutzend Lehrbücher ein Fachgebiet wie die Neurochirurgie weitgehend abdeckten, stehen heute umfangreiche digitale Materialien in nahezu unbegrenzter Menge zur Verfügung.
Etwa ab 2015 wurde mit dem Wandel zu «online first» – also der primär digitalen Veröffentlichung wissenschaftlicher Inhalte – Publizieren schneller, günstiger und weltweit in Sekunden zugänglich. Dadurch habe die Zahl der Fachartikel explosionsartig zugenommen. Was als Fortschritt begann, führte zu einem neuen Problem: einer kaum mehr überschaubaren Informationsflut.
«Wir suchen, wir finden aber nicht mehr so viel», so Raabe. Oder zugespitzt: «Das ist kein Fortschritt. Das ist ein Problem.»
Drowning in the ocean of information
Anhand einfacher Beispiele verdeutlichte Andreas Raabe die Dimension: So liefert etwas eine Google-Suche zu «Brain tumor and cell phone» über 147 Millionen Treffer! Gleichzeitig beschrieb er den sogenannten «Google-Effekt» – die Tendenz, sich Informationen weniger gut zu merken, wenn sie jederzeit online verfügbar sind.
Die Folge: Wissen wird nicht mehr nachhaltig verinnerlicht, sondern gesammelt. «Wir sammeln Informationspakete», so Raabe. Auf seinem eigenen Laptop befänden sich tausende PDFs wissenschaftlicher Arbeiten – doch nur ein Bruchteil der Inhalte sei tatsächlich relevant. Dieses «versteckte Wissen» bleibe oft in Dokumenten eingeschlossen.
Von Dateien zu Themen: Ein neues Verständnis von Wissen
Andreas Raabe plädierte daher für einen grundlegenden Perspektivwechsel: weg von einzelnen Dateien, hin zu inhaltlich strukturiertem Wissen. Statt isolierter Dokumente brauche es «Wissens-Atome», die sich zu «Wissens-Molekülen» verbinden lassen – also kontextualisierte, relevante Informationseinheiten.
KI als Filter und Denkpartner
Hier sieht Andreas Raabe die zentrale Rolle der künstlichen Intelligenz. Sie könne helfen, individuell relevante Informationen zu filtern, einzuordnen und im richtigen Kontext bereitzustellen.
«Die KI kommt, sie ist wichtig – wir müssen da mitmachen und steuern, was wir brauchen», betonte er.
Richtig eingesetzt werde KI:
- Wissen personalisieren
- den Informations-Overload filtern
- neue Inhalte gezielt hervorheben
- als Partner im Denken fungieren
Das Ziel sei ein Übergang von statischen Inhalten zu dynamischem, kontextbezogenem Lernen. Im Sinne der «Extended Mind»-Theorie werden digitale Systeme dabei zu einem erweiterten Denkraum: Sie liefern nicht nur Informationen, sondern helfen, Wissen zu strukturieren, einzuordnen und anzuwenden.
Konkrete Anwendung: Elumity
Zum Abschluss seines Vortrags stellte Andreas Raabe ein Projekt vor, das seine zuvor skizzierte Vision konkret werden lässt: die Software Elumity. Was als Forschungsprojekt am Inselspital Bern begann, wird inzwischen als Spin-off weiterentwickelt und befindet sich derzeit im Beta-Stadium. Die Idee dahinter: Wissen nicht länger in isolierten PDFs zu speichern, sondern über eine KI zugänglich zu machen, die Inhalte versteht, verknüpft und im richtigen Kontext bereitstellt. Mit der im Programm integrierten «AI Dialog»-Funktion soll sie also genau das adressieren, was im Vortrag als Kernproblem identifiziert wurde: die gezielte Nutzung relevanten Wissens aus grossen Datenmengen.
Woche des Gehirns 2026, Universität Bern
Bei der Woche des Gehirns oder auch Brain Week handelt es sich um eine internationale Veranstaltungsreihe, die sich der Aufklärung über das Gehirn, seinen Funktionen und Erkrankungen widmet. Organisiert wird die Brain Week in Bern von den Klinischen Neurowissenschaften (CNB) der Universität Bern. Sie bietet ein vielfältiges Programm mit Vorträgen, Filmvorführung und Podiumsdiskussion, die sich an ein breites Publikum richten – von Fachleuten bis hin zu interessierten Laien. Die Themen reichen von Gedächtnis und Bewusstsein über psychische Gesundheit bis hin zu aktuellen Fortschritten in der Hirnforschung.
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