Hypophysenadenom

Hypophysenadenome sind gutartige Tumoren der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse), die sich an der Schädelbasis befindet. Man unterscheidet hormonaktive und hormoninaktive Adenome sowie Mikroadenome (kleiner als 1 cm) und Makroadenome (ab 1 cm). Hypophysenadenome können hormonelle Störungen und Sehstörungen verursachen. Bei Prolaktinomen ist eine medikamentöse Therapie die erste Wahl. Bei allen anderen Hypophysenadenomen ist in der Regel eine operative Entfernung durch die Nase angezeigt. Dieser minimalinvasive Eingriff erfolgt am Inselspital in endoskopischer Technik.

Wie häufig ist ein Hypophysenadenom?

Hypophysenadenome machen etwa 15 % aller Hirntumoren aus  1 und gehören damit zu den häufigsten Tumoren des Nervensystems. Bei etwa einer von 1’100 Personen führen sie zu medizinisch relevanten Beschwerden oder Befunden. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer *.

Hypophysenadenome können grundsätzlich in jedem Lebensalter auftreten. Ihre Häufigkeit steigt mit zunehmendem Alter leicht an und beträgt bei Personen über 65 Jahren etwa 8 Fälle pro 100'000 Personen und Jahr. Sehr kleine Hypophysenadenome, sogenannte Mikroadenome, werden häufig zufällig entdeckt. Sie lassen sich bei etwa 10–15 % der Bevölkerung nachweisen *, * und haben in vielen Fällen keine gesundheitlichen Auswirkungen. Dann ist in der Regel eine regelmässige Verlaufskontrolle ausreichend.

Was ist der Unterschied zwischen einem Makroadenom und einem Mikroadenom?

Der wesentliche Unterschied liegt in der Tumorgrösse: Makroadenome sind mindestens 1 cm gross, während Mikroadenome kleiner als 1 cm sind. Etwa die Hälfte Hypophysenadenome, die Beschwerden oder andere medizinisch relevanten Auffälligkeiten verursachen, sind Makroadenome.

Diese Unterscheidung ist vor allem aus zwei Gründen wichtig:

  1. Beeinträchtigung benachbarter Strukturen: Aufgrund ihrer Grösse können Makroadenome Druck auf benachbarte Strukturen ausüben. Davon können insbesondere die Sehnerven betroffen sein.
  2. Tumorwachstum: Bei Makroadenomen ist die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Wachstums höher. Sie liegt bei etwa 25 % innerhalb von 4–5 Jahren *, *.

Welche Symptome kann ein Hypophysenadenom verursachen?

Kleine, hormoninaktive Hypophysenadenome verursachen in der Regel keine Beschwerden. Sie werden häufig zufällig entdeckt, wenn aus einem anderen Grund eine Bildgebung des Kopfes durchgeführt wird.

Grössere oder hormonaktive Hypophysenadenome können – abhängig von ihrer Grösse und Hormonproduktion – unterschiedliche Beschwerden verursachen:

  • Hormonelle Störungen: Überproduktion oder Mangel bestimmter Hormone
  • Druck auf benachbarte Strukturen: beispielsweise mit Sehstörungen oder einer Beeinträchtigung von Hirnnerven
  • Hypophysenapoplexie: eine plötzlich auftretende Einblutung in das Hypophysenadenom

Hormonelle Störungen

Hormonelle Störungen werden entweder durch eine Überproduktion von Hormonen durch das Hypophysenadenom verursacht oder durch eine Unterproduktion von Hormonen aufgrund einer Funktionsstörung der gesunden Hypophyse.

Verteilung der Hypophysenadenome nach Hormonproduktion *:

30 %produzieren keine Hormone (hormoninaktive Adenome)
53 %produzieren das Hormon Prolaktin (Prolaktinom)
12 %produzieren Wachstumshormon und führen zu einer Akromegalie
4 %produzieren das Hormon ACTH und führen zu Morbus Cushing
1 %produziert Thyreotropin (TSH), luteinisierendes Hormon (LH) oder follikelstimulierendes Hormon (FSH)

Hormonproduzierende Tumoren können je nach gebildetem Hormon unterschiedliche Krankheitsbilder hervorrufen. Weitere Informationen zu den möglichen Beschwerden finden Sie bei den jeweiligen Krankheitsbildern.

Eine Funktionsstörung der Hypophyse tritt – abhängig von der Tumorgrösse – bei etwa der Hälfte der Patientinnen und Patienten auf. Dabei kann ein Mangel an verschiedenen Hypophysenhormonen entstehen:

  • Mangel an LH und FSH (Hypogonadismus): Dadurch bildet der Körper zu wenig Geschlechtshormone. Bei Frauen kann dies zu einer unregelmässigen oder ausbleibenden Menstruation führen. Bei Frauen und Männern können Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Libidoverlust und Unfruchtbarkeit auftreten.
  • Mangel an TSH (Hypothyreoidismus): Dadurch bildet die Schilddrüse zu wenig Schilddrüsenhormone. Typische Beschwerden sind eine erhöhte Kälteempfindlichkeit, Gewichtszunahme, Müdigkeit, Verdauungsprobleme sowie Hautveränderungen und Gedächtnisstörungen.
  • Mangel an ACTH (Hypocortisolismus): Dadurch bildet die Nebennierenrinde zu wenig Cortisol. Mögliche Beschwerden sind niedriger Blutdruck insbesondere beim Aufstehen, ausgeprägte Müdigkeit, Übelkeit und Erbrechen, Schwindel sowie Bauchschmerzen. Ein schwerer Cortisolmangel kann zu einer lebensbedrohlichen Nebennierenkrise (Addison-Krise) führen. Cortisol ist ein lebenswichtiges Hormon und spielt eine zentrale Rolle bei der Anpassung des Körpers an Stresssituationen. Ein Mangel an Cortisol muss dringend medikamentös behandelt werden.

Druck auf benachbarte Hirnstrukturen

Ein Makroadenom kann auf benachbarte Hirnstrukturen und Nerven drücken und dadurch Beschwerden verursachen. Neben Kopfschmerzen gehören dazu:

  • Sehstörungen: Die Sehschärfe kann abnehmen und das Gesichtsfeld kann eingeschränkt sein. Drückt das Adenom auf die Kreuzungsstelle der Sehbahnen (Chiasma opticum), fallen typischerweise die äusseren Bereiche des Gesichtsfelds beider Augen aus. Diese Sehstörung wird als bitemporale Hemianopsie bezeichnet.
  • Beeinträchtigung von Hirnnerven: Wächst das Adenom in den benachbarten venösen Blutleiter (Sinus cavernosus) ein, können Doppelbilder, Gesichtsschmerzen oder ein Herabhängen der Oberlider (Ptosis) auftreten.
  • Abflussstörung des Hirnwassers: In seltenen Fällen kann das Adenom den Abfluss des Hirnwassers blockieren. Dadurch entsteht ein sogenannter obstruktiver Hydrozephalus, bei dem der Hirndruck ansteigt. Mögliche Anzeichen sind Kopfschmerzen, Erbrechen und Bewusstseinsstörungen.

Wie wird ein Hypophysenadenom diagnostiziert?

Eine Magnetresonanztomografie (MRT oder MRI) mit Kontrastmittel ist das bildgebende Verfahren der ersten Wahl. Für eine genaue Beurteilung wird ein spezielles Hypophysenprotokoll verwendet.

Um auch sehr kleine Tumoren zuverlässig zu erkennen, kann die Untersuchung in bestimmten Fällen durch eine dynamische MRT-Sequenz ergänzt werden. Dabei werden zu mehreren Zeitpunkten (zum Beispiel nach 0, 30, 60 und 90 Sekunden) Schnittbilder der Hypophyse aufgenommen. Kleine Hypophysenadenome nehmen das Kontrastmittel häufig langsamer auf als das gesunde Hypophysengewebe und lassen sich dadurch besser erkennen. Dynamische MRT-Sequenzen können auch nach einer Operation hilfreich sein, um kleine Tumorreste von Narbengewebe zu unterscheiden. Insbesondere bei kleinen Adenomen, wie sie bei einem Morbus Cushing vorkommen können, lässt sich die Wahrscheinlichkeit einer Erkennung mit diesen speziellen Sequenzen deutlich erhöhen *, *.

Bei allen Patientinnen und Patienten mit einem Hypophysenadenom werden ausserdem die Hormonwerte untersucht. So lassen sich mögliche hormonelle Störungen erkennen und bei Bedarf behandeln. Diese Abklärung erfolgt in der Regel durch eine Fachärztin oder einen Facharzt für Endokrinologie.

Berührt das Adenom gemäss Bildgebung die Sehnerven oder deren Kreuzungsstelle (Chiasma opticum), ist zusätzlich eine augenärztliche Untersuchung erforderlich. Dabei werden das Sehvermögen und das Gesichtsfeld überprüft. Liegt das Adenom nahe an den Sehbahnen, dient die Untersuchung auch dazu, einen Ausgangsbefund für spätere Vergleiche zu erfassen.

Für die Behandlungsplanung ist zudem wichtig, ob und wie weit das Adenom in den benachbarten venösen Blutleiter, den Sinus cavernosus, eingewachsen ist. Das Ausmass dieses Einwachsens wird anhand der sogenannten Knosp-Klassifikation beurteilt.

Sinus-petrosus-Sampling

In seltenen Fällen kann bei Verdacht auf einen Morbus Cushing eine zusätzliche invasive Untersuchung erforderlich sein: das sogenannte Sinus-petrosus-Sampling. Es kommt insbesondere dann zum Einsatz, wenn die Ergebnisse der Hormonuntersuchungen und der MRT-Aufnahmen kein eindeutiges Bild ergeben.

Bei dieser Untersuchung werden über eine Vene in der Leiste dünne Katheter bis in die venösen Blutleiter der Hypophyse vorgeschoben. Dort wird die Konzentration des Hormons ACTH gemessen und mit der Konzentration im übrigen Blutkreislauf verglichen. Ein ACTH-produzierendes Hypophysenadenom gibt das Hormon direkt in diese Blutleiter ab.

Ist die dort gemessene ACTH-Konzentration mindestens doppelt so hoch wie im übrigen Blutkreislauf, spricht dies stark für die Hypophyse als Ursprung der erhöhten ACTH-Produktion. Nach der Gabe des stimulierenden Hormons CRH gilt ein mindestens dreifach erhöhter Wert als entsprechender Hinweis. Das Ergebnis unterstützt damit die Diagnose eines Morbus Cushing *, *.

Die Untersuchung kann zusätzlich Hinweise darauf geben, auf welcher Seite der Hypophyse sich das Adenom befindet. Diese Zuordnung ist jedoch nicht immer zuverlässig. Das venöse Abflusssystem der Hypophyse kann von Mensch zu Mensch unterschiedlich aufgebaut sein und dadurch das Messergebnis beeinflussen *, *, *.

Funktionelle Bildgebung: Aminosäuren-PET

In ausgewählten Fällen kann bei hormonproduzierenden Hypophysenadenomen ergänzend eine Aminosäure-PET durchgeführt werden. Diese Untersuchung erfolgt an der Universitätsklinik für Nuklearmedizin. Dabei wird über eine Vene eine schwach radioaktiv markierte Aminosäure, ein sogenannter Tracer, verabreicht. Dieser reichert sich bevorzugt im Tumorgewebe an. Ein PET-Scanner erfasst die vom Tracer ausgehenden Signale. Die PET-Aufnahmen werden anschliessend mit den MRT-Bildern kombiniert. Dadurch lässt sich stoffwechselaktives Tumorgewebe besser darstellen *, *, *.

Eine Aminosäure-PET kann insbesondere hilfreich sein, wenn

  • sich der Tumor in der MRT nicht eindeutig erkennen oder abgrenzen lässt,
  • die Ergebnisse der Hormonuntersuchungen und der MRT nicht übereinstimmen oder
  • nach einer Operation weiterhin eine Krankheitsaktivität besteht.

Da die räumliche Auflösung geringer ist als bei einer MRT, hat die Untersuchung jedoch Grenzen. Ihr Einsatz bei Hypophysenadenomen wird weiterhin wissenschaftlich untersucht und gehört noch nicht zur Routinediagnostik.

Computertomografie des Schädels

Eine Computertomografie (CT) des Schädels liefert wichtige Informationen für die Operationsplanung. Sie wird bei uns routinemässig vor einer Hypophysenoperation durchgeführt.

Die Untersuchung zeigt die individuellen knöchernen Strukturen und mögliche anatomische Varianten. Dadurch kann der chirurgische Zugang präzise geplant und die Operation optimal vorbereitet werden.

Wann ist eine genetische Untersuchung sinnvoll?

Eine genetische Untersuchung ist nur in Ausnahmefällen erforderlich. Dabei wird gezielt nach einer Keimbahnmutation im MEN1-Gen gesucht. Eine genetische Abklärung sollte insbesondere in folgenden Situationen erwogen werden:

  • bei Personen im Alter von 30 Jahren oder jünger mit einem hormonaktiven Hypophysenadenom (ausgenommen Frauen mit einem Prolaktinom)
  • bei Personen im Alter von 30 Jahren oder jünger mit einem Makroadenom (mindestens 1 cm)
  • bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 18 Jahren oder jünger mit einem Hypophysenadenom
  • bei MEN-assoziierten Tumoren bei der betroffenen Person selbst oder bei Verwandten ersten Grades

Wie werden Hypophysenadenome behandelt?

Die Behandlung hängt von verschiedenen Faktoren ab. Welche Therapie infrage kommt, wird nachfolgend bei den einzelnen Krankheitsbildern erläutert.

Warum Sie sich am Inselspital behandeln lassen sollten

  • Interdisziplinäres Team: Die Neurochirurgie am Inselspital arbeitet eng mit den Fachbereichen Endokrinologie, Augenheilkunde, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und Radio-Onkologie zusammen.
  • Hypophysen-Board: Jeder Fall wird in unserem interdisziplinären Hypophysen-Board besprochen. Gemeinsam erarbeiten die Fachpersonen einen individuellen Behandlungsplan für jede Patientin und jeden Patienten.
  • Moderne intraoperative Technologien: Während der Operation setzen wir gezielt moderne technische Hilfsmittel ein.
  • Endoskopische Operationstechnik: Hypophysenoperationen führen wir grundsätzlich endoskopisch, also mithilfe einer Kamera, durch. Dabei arbeiten die Fachbereiche Neurochirurgie und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (HNO) eng zusammen.
  • Erweiterte operative Zugänge: Unsere chirurgische Erfahrung und die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglichen auch anspruchsvolle erweiterte Eingriffe. Dazu gehört beispielsweise die Entfernung der zum Tumor gerichteten Wand des benachbarten venösen Blutleiters (mediale Wand des Sinus cavernosus). Insbesondere bei Akromegalie und Morbus Cushing kann dieses Vorgehen die Chance auf eine vollständige Tumorentfernung und Heilung erhöhen.
    Resektion der medialen Wand des Sinus cavernosus
  • Erhalt der Nasenfunktion: Der Zustand der Nase hat einen wesentlichen Einfluss auf die Lebensqualität. Täglich strömen rund 10’000 Liter Luft durch die Nase. Deshalb legen wir grossen Wert darauf, die Strukturen und die Funktion der Nase zu erhalten und eine sorgfältige Nasenpflege nach der Operation sicherzustellen.

Referenzen

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