Resektion der medialen Wand des Sinus cavernosus

Bei bestimmten hormonaktiven Hypophysenadenomen können Tumorzellen in die Wand eines benachbarten venösen Blutleiters, des Sinus cavernosus, einwachsen. Mit modernen endoskopischen Operationstechniken lässt sich diese Wand in ausgewählten Fällen entfernen, um die Chance auf eine vollständige Tumorentfernung und hormonelle Heilung zu erhöhen. Ob der zusätzliche Operationsschritt sinnvoll ist, entscheidet das Behandlungsteam individuell nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiken.

Was ist der Sinus cavernosus?

Der Sinus cavernosus ist ein grösserer venöser Blutleiter, der direkt neben der Hypophyse liegt. In ihm verlaufen wichtige Hirnnerven sowie die innere Halsschlagader (Arteria carotis interna). Die Hypophyse gibt einen Teil ihres venösen Blutes über kleine natürliche Öffnungen in der inneren Wand des Sinus cavernosus ab. Durch diese Öffnungen können auch Zellen eines Hypophysenadenoms in die Wand oder den Blutleiter gelangen. Wie häufig dies geschieht, hängt unter anderem von der Art des Tumors ab *.

Früher wurde der Sinus cavernosus bei Hypophysenoperationen in der Regel nicht eröffnet; Tumoranteile in diesem Bereich blieben deshalb häufig zurück. Moderne Endoskope und Spezialinstrumente ermöglichen heute bei ausgewählten Patientinnen und Patienten eine gezielte Entfernung dieser Tumoranteile und der befallenen Wand.

Wann kommt die Operationstechnik infrage?

Ob die mediale Wand des Sinus cavernosus entfernt werden soll, hängt von verschiedenen Faktoren ab:

  • Tumorart
  • Ausmass des Einwachsen
  • Patientenalter
  • Behandlungsalternativen
  • individuelles Operationsrisiko

Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen hormoninaktiven und hormonaktiven Hypophysenadenomen.

Hormoninaktive Hypophysenadenome

Bei hormoninaktiven Adenomen ist eine Entfernung der Wand meist nicht gerechtfertigt, insbesondere bei älteren Patientinnen und Patienten. Ein kleiner Resttumor kann häufig mit regelmässigen Kontrollen beobachtet oder bei Bedarf mit Bestrahlung behandelt werden.

Hormonaktive Hypophysenadenome

Bei hormonaktiven Adenomen, zum Beispiel bei Morbus Cushing oder Akromegalie, ist eine möglichst vollständige Tumorentfernung besonders wichtig. Bereits wenige verbleibende Tumorzellen im Sinus cavernosus oder in dessen Wand können dazu führen, dass weiterhin zu viele Hormone produziert werden. 

In sorgfältig ausgewählten Fällen kann die Entfernung der medialen Wand deshalb die Aussicht auf eine hormonelle Remission verbessern *, *, *, *. Diese anspruchsvolle Technik sollte nur an Zentren mit entsprechender Erfahrung eingesetzt werden.

Welche Ergebnisse zeigen Studien?

Neuere Studien berichten bei hormonaktiven Hypophysenadenomen nach Anwendung dieser Technik Remissionsraten von 84–93 % *, *,  *. Die Remissionsrate beschreibt, bei wie vielen behandelten Patientinnen und Patienten die Erkrankung nach der Therapie nicht mehr nachweisbar oder deutlich zurückgegangen ist.

In den entfernten Wandanteilen wurden in 70–80 % der Fälle Tumorzellen nachgewiesen *, *, *

Selbst wenn während der Operation kein Einwachsen erkennbar war, fanden sich in 57 % der Fälle unter dem Mikroskop dennoch Tumorzellen in dieser Wand *.

Diese Ergebnisse unterstreichen, dass die mediale Wand bei hormonaktiven Adenomen ein möglicher Ort für verbleibendes Tumorgewebe ist.

Wie läuft die Entfernung der medialen Wand ab?

Die Operation erfolgt endoskopisch durch die Nase und ist Teil der Entfernung des Hypophysenadenoms. Nachdem der Hauptteil des Tumors entfernt wurde, geht das Operationsteam schrittweise vor:

  • Eröffnung: Zunächst wird die Vorderwand des Sinus cavernosus vorsichtig eröffnet.
  • Blutstillung: Da es sich um einen venösen Blutleiter handelt, wird der Bereich zur Blutstillung mit einer speziellen Schaumpaste ausgefüllt und vorübergehend tamponiert.
  • Lösen der Wand: Die mediale Wand wird an ihrer unteren und oberen Ansatzstelle schrittweise durchtrennt und von den umliegenden Strukturen gelöst.
  • Entfernung: Anschliessend kann der gelöste Wandanteil zusammen mit möglichem Tumorgewebe entfernt und feingeweblich untersucht werden.

Welche Risiken bestehen?

Im Sinus cavernosus verlaufen die innere Halsschlagader und wichtige Hirnnerven. Deshalb kann ihre Verletzung grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden. Das individuelle Risiko hängt von der Anatomie und der Ausdehnung des Tumors ab und wird vor der Operation ausführlich besprochen.

  • Verletzung der Arteria carotis interna: Diese Komplikation kann schwerwiegend sein. Die bisher veröffentlichten Daten weisen bei erfahrenen Operationsteams auf eine sehr niedrige Rate hin; der vorliegende Ausgangstext nennt hierfür jedoch keine konkrete Prozentzahl.
  • Vorübergehende Hirnnervenlähmung: Sie kann sich insbesondere durch Doppelbilder bemerkbar machen und trat in einer Studie bei 7,1 % der Patientinnen und Patienten auf *. Meist erholt sich die Funktion vollständig, die Rückbildung kann jedoch mehrere Monate dauern.

Unser Vorgehen am Inselspital

Am Inselspital bieten wir die Resektion der medialen Wand des Sinus cavernosus bei ausgewählten Patientinnen und Patienten an. Sie kann die Behandlungsergebnisse bei hormonaktiven Hypophysenadenomen verbessern, ist jedoch nicht für jede Situation geeignet. 

Wir empfehlen den zusätzlichen Operationsschritt nur, wenn der erwartete Nutzen das individuelle Risiko überwiegt, und besprechen die Entscheidungsgrundlagen vor dem Eingriff ausführlich mit der Patientin oder dem Patienten.

Referenzen

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