Bei der Behandlung von Krebskranken arbeiten im Spital hoch vernetzte Teams aus unterschiedlichsten Berufen zusammen. Patientinnen und Patienten sollen die bestmögliche Versorgung erhalten. Daher wird diese interdisziplinäre Zusammenarbeit begleitet von einer zuverlässigen Dokumentation der Krankheitsfälle. Warum diese wichtig ist, erklärt die Tumordokumentarin Nicole Söll im Gespräch.

Digitale Daten: Sie wurden auch schon als Währung der Zukunft bezeichnet. Sie bestimmen zunehmend, wie moderne Unternehmen sich in ihrer Umgebung bewegen. Das Sammeln und Auswerten digitaler Daten wird immer wichtiger. Aus digitalen Daten lassen sich Muster erkennen – und es lässt sich aus ihnen lernen. Dies verändert auch die Medizin.

Verschiedene Rollen

Nicole Söll ist Medizinische Dokumentarin oder «Clinical Data Manager». An der Universitätsklinik für Neurochirurgie ist sie – unter anderem – spezialisiert auf die Erfassung und Darstellung von Daten von Hirntumorpatientinnen und -patienten. Als Tumordokumentarin sammelt sie sämtliche Daten, die mit einem Tumor zu tun haben, und bündelt sie im Dossier einer krebskranken Person.

Dies kann etwa eine Studiendokumentation sein, wenn die Person an klinischen Studien teilnimmt, oder Korrespondenzen zwischen Hausärzten und Klinik, es können Belege, Befunde, Arztberichte sein, kurz: alles, was die Behandlung und Betreuung von Krebskranken betrifft.

Ihre Rolle? Nicole Söll ist gleichzeitig Polizistin, Lehrerin, Bibliothekarin und Programmiererin. Sie erfasst die Daten in der Datenbank und achtet auf eine vollständige, korrekte und lückenlose Tumordokumentation. Ausserdem ordnet sie alle Daten nach Mustern, Regeln und Kriterien. Zudem steckt in ihr auch eine Datenbank-Programmiererin, die am Code schrauben kann.

Mein Ziel ist, die Qualität der Behandlung von Patientinnen und Patienten zu verbessern. Die hochwertige Beschreibung von Krebsfällen erfüllt dabei mehrere Zwecke.

- Nicole Söll (Medizinische Dokumentarin)

Zusammenarbeit erleichtern

Zum einen muss die Tumordokumentation die Zusammenarbeit erleichtern: In der Krebsbehandlung arbeiten hoch vernetzte Teams zusammen, die unterschiedlichsten Berufen angehören. Sie brauchen untereinander präzise, unmissverständliche Absprachen. Die diversen Behandlungsschritte müssen genau dokumentiert werden.

Forschung

Zudem beantwortet eine Tumordokumentation allerlei Fragen: Welche Operationsmethode wurde angewandt, was wurde entfernt und wie? War es ein neuer Tumor oder ein wiederkehrender? Wie kennzeichnete sich der Tumor? Welche Therapien hat eine Patientin erhalten? Nahm sie an klinischen Studien teil? Eine Tumordokumentation liefert nämlich auch Daten, die für klinische Forschung genutzt werden.

Qualitätskontrolle

Manchmal kann die Tumordokumentation vor Fehlern warnen. Nicole Söll nennt es Frühwarnsystem. «Ich erkenne zum Beispiel rasch, wenn ein Fall am Tumorboard (siehe Sidebar rechts) nicht vorgestellt worden ist. Ich frage dann beim Tumorboardteam nach, was der Grund dafür ist. »

Das Hirntumorzentrum wird regelmässig von einer neutralen Stelle auf seine Qualität geprüft. Nicole Söll liefert hierzu die Kennzahlen, die dem Vergleich mit anderen Tumorzentren im deutschsprachigen Raum standhalten müssen. Sie tauscht sich zudem drei- bis viermal jährlich mit Fachkolleginnen und -kollegen von anderen Schweizer Tumorzentren aus.

Schneller

Ihnen gemeinsam ist das Ziel, die Daten einfacher erheben zu können. «Wir wollen den behandelnden Spezialistinnen und Spezialisten die Arbeit ja erleichtern», sagt Nicole Söll. Und es soll auch wesentlich schneller gehen. Heute arbeiten Tumordokumentare mancherorts noch mit veralteten Strukturen wie etwa Datenbanken, die nicht miteinander vernetzt oder ungenügend mit dem Klinikinformationssystem verknüpft sind. «Ich muss manchmal Daten von Hand abgleichen oder nachführen. »

Nicole Söll arbeitet seit 2009 am Inselspital. «Damals führte jede Klinik ihre kleinen Datenbanken oder Excel-Tabellen und nahm nach eigenem Ermessen Daten auf. » Sie erlebt den Wandel im Umgang mit digitalen Daten hautnah mit: «Es wird immer mehr dokumentiert. Die Wichtigkeit von Daten – und auch das Interesse an ihnen – hat enorm zugenommen. »

Zur Person

Nicole Söll hat ihr Fach Medizinische Dokumentationsassistentin oder Clinical Data Manager 2001 bis 2004 in Deutschland gelernt. Dies war eine Zeit, als es noch keine sozialen Netzwerke gab und der Mobilfunkstandard 3G gerade entstand. 2009 zog sie in die Schweiz und lebt seither in der Stadt Bern. In der Freizeit fährt sie gerne Rad oder geht in den Bergen Skifahren. Im Sommerhalbjahr ist sie mit dem Rucksack unterwegs, «Schwierigkeitsgrad T2 auf der SAC-Wanderskala».

Nicole Söll

Medizinische Dokumentarin

Zum Profil

Text: Peter Rüegg, UCI Tumorzentrum

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